Aktuelles

Einigkeit und Recht – doch Freiheit?

150 Jahre Kaiserreich – Ein Tagungsbericht Inhalt Wie demokratisch war der Obrigkeitsstaat? Zur Einleitung(Markus Lang) 1.       Verfassung und politisches System Verfassung und Staatsrechtslehre. Konstruktion und Kritik(Michael Dreyer)  „Wer Deutschland regieren will, muß es sich erobern“  Das Kaiserreich als monarchisches Projekt Wilhelms I.(Jan Markert)  Der Bundesrat in Verfassung und Wirklichkeit(Oliver F. R. Haardt)  Rethinking Federalism. Die […]

Der Bundesrat in Verfassung und Wirklichkeit

Oliver F. R. Haardt Die Reichsverfassung von 1871 umfasste eine ganze Reihe von Sicherheitsvorkehrungen, um monarchische Souveränität zu schützen und den Reichstag von der Regierungsgewalt des Reiches fernzuhalten. Unter diesen war der Bundesrat die wichtigste. Die Länderkammer war ein Bollwerk monarchischer Macht. Sie bestand aus den Gesandten der monarchischen Regierungen der fünfundzwanzig Einzelstaaten des Reiches. […]

Rethinking Federalism. Die föderale Staatsstruktur des Kaiserreichs als demokratisches Element?

Paul Lukas Hähnel Der Platz des Kaiserreichs in der deutschen Demokratiegeschichte ist umstritten. Seit der These der „stillen Parlamentarisierung“ von Manfred Rauh aus den 1970er Jahren wird debattiert, inwiefern das Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkrieges vor einer Parlamentarisierung des politischen Systems stand. Die Forschung konzentrierte sich daher auf die Entwicklung des Reichstags und des […]

Das Kaiserreich als System kompromisshafter Entscheidungen

Wolfram Pyta I. Wolfgang Mommsen hat in einem einflussreichen Aufsatz das Kaiserreich als „System umgangener Entscheidungen“ bezeichnet. Ich möchte zeigen, dass man diesen Ansatz produktiv weiterentwickeln kann, wenn man eine systemisch verankerte Disposition zum Kompromiss zum analytischen Ausgangspunkt einer Neubetrachtung des Kaiserreichs macht. Meine im Folgenden schlaglichtartig ausgebreitete These ist eine doppelte: Erstens – In […]

Streitkultur im Kaiserreich. Politische Versammlungen zwischen Deliberation und Demonstration

Theo Jung Die Erfahrung mit politischer Polarisierung hat die Frage nach den kommunikativen Formen des politischen Austausches neuerdings wieder verstärkt auf die Agenda gesetzt. Ist der Tonfall öffentlicher Debatten verroht oder werden Sagbarkeitsgrenzen durch politische Korrektheit gerade immer mehr eingeschränkt? Inwiefern treffen unterschiedliche Meinungen überhaupt noch aufeinander, wo sie sich doch allzu leicht in ihren […]

Das Kaiserreich und die moderne Massendemokratie

Hedwig Richter Die Zeit des Kaiserreichs war die Zeit der großen Inklusion – sie war die Zeit der Massenpolitisierung. Das ist nicht neu. Ich denke aber, dass es sich lohnt, das Phänomen der Massenpolitisierung als eine Grundlage der Demokratisierung zu verstehen – ohne freilich beides gleichzusetzen. Meine These ist, dass die Demokratisierungs- und Inklusionsprozesse in […]

Wahlrecht, Verfassung und politisches Verhalten

Christoph Nonn Das Kaiserreich ist in der Geschichtsschreibung oft als eine Zeit gesehen worden, in dem die Fundamente für den Radikalnationalismus, Militarismus und Antisemitismus des „Dritten Reichs“ gelegt wurden. So zutreffend das sein mag, lässt sich doch mit guten Argumenten hinterfragen, ob darin das wichtigste Erbe der Kaiserzeit für die weitere deutsche Geschichte gelegen hat. […]

Marine, Ministerverantwortlichkeit und Parlament im frühen Kaiserreich

Sebastian Rojek Am 31. Mai 1878 wurde die junge Kaiserliche Marine von einem schweren Unglücksfall getroffen: Am Vormittag dieses Tages kollidierte das Panzerschiff Großer Kurfürst bei seiner allerersten Ausfahrt mit seinem Schwesterschiff König Wilhelm vor der britischen Küste auf dem Weg zu einer Geschwaderübung. Die Marine musste den Totalverlust eines ihrer modernsten Kriegsschiffe und überdies […]

Liberalismus im Reich und in Baden, 1871-1918

Michael Kitzing Einleitung „Wir werden in Deutschland keinen Schritt vorankommen, bevor nicht die vereinigten liberalen und demokratischen Gruppen den taktischen Anschluss an die Sozialdemokratie gefunden haben.“ Mit diesen Worten umschrieb der linksliberale Politiker Ludwig Haas (1875-1930) die Zielperspektive des badischen Liberalismus kurz nach 1900. Tatsächlich schlossen die badischen Liberalen in den Jahren 1905 bis 1913 […]

Ausgrenzung und Opposition: Sozialdemokratische Arbeiterbewegung und Reichsgründung

Walter Mühlhausen Als am 18. Januar 1871 im Schloss zu Versailles Fürsten, Generäle, Soldaten, Diplomaten und Höflinge das Publikum der feierlichen Proklamierung von Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser bildeten, saßen die beiden Führer der sozia­lis­tischen deutschen Arbeiterbewegung, Wilhelm Liebknecht und August Bebel, unter dem Vorwurf der Vorbereitung zum Hochverrat in Untersuchungshaft. Die Parallelität der Haft […]

Das Sozialistengesetz – Demokratiegeschichtlicher „Sündenfall“ des deutschen Kaiserreichs?

Jürgen Schmidt Es lässt sich zweifellos der großen Mehrheit der Abgeordneten des deutschen Reichstags zugutehal­ten, dass sie dem ersten Unterdrückungsversuch der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Jahr 1878 durch Otto von Bismarck eine klare Absage erteilten. Nach einem gescheiterten Attentat gegen Kaiser Wilhelm I. durch den Klempnergesellen Max Hödel brachte der Reichskanzler am 20. Mai 1878 einen […]

Politischer Katholizismus und Demokratisierung im Kaiserreich

Stefan Gerber Der politische Katholizismus in Deutschland entfaltete sich seit den 1830er Jahren aus der Defensive: Mit der Säkularisation und der Auflösung des Alten Reiches waren die Grundlagen der Reichskirche zerstört worden. An die Stelle des bisherigen Systems war in den Staaten des Rheinbundes und des Deutschen Bundes eine von Aufklärung und bürokratischem Etatismus geprägte […]

Die Tripolarität der Reichshauptstadt: Berliner Politik im Spannungsfeld von Reich, Staat und Kommune 1871-1918

Lennart Bohnenkamp Die Tripolarität der Reichshauptstadt Es war schon ein seltsames Gebilde, das vor fast 150 Jahren im Spiegelsaal von Versailles das Licht der Welt erblickte. Das deutsche Kaiserreich war ein Kuriosum, ein Unikum in der Verfassungsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Das Reich war nämlich kein Einheitsstaat wie die 1870 gegründete Dritte Französische Republik oder das […]

Sozialdemokratische Kommunalpolitik am Beispiel Magdeburg

Ralf Regener Kommunalpolitik war für die Sozialdemokratie im Deutschen Kaiserreich allgemein ein schwieriges Feld. Das hatte sowohl mit der Partei selbst als auch den staatlichen Rahmenbedingungen zu tun. Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildeten theoretischen Grundsätze der Partei rückten den gesamten Staat in den Vordergrund. Der Klassenkampf sollte die bestehende Ordnung als […]

„Stadtmütter werden!“ Kommunalpolitisches Engagement als Methode der bürgerlichen Frauenbewegung auf dem Weg zur politischen Gleichberechtigung

Kerstin Wolff Dass Politik und Staatsleben im 19. Jahrhundert eine rein männliche Angelegenheit waren, betonen nicht nur heutige Historiker und Historikerinnen. Auch Zeitgenossen fanden klare Worte, um die Beziehung von Frauen zum Staat bzw. zur Politik zu beschreiben. So stellte der Jurist und Staatstheoretiker Johann Caspar Bluntschli 1870 in einem Deutschen Staatswörterbuch den Staat „unzweifelhaft“ […]

Radikaler Konservatismus im Deutschen Kaiserreich

Ulrich Sieg Die konservativen Parteien entstanden in Deutschland als Resultat der traumatisch erfahrenen Revolution von 1848. Die gravierenden Wahlniederlagen vom Mai 1848 verhinderten die Bildung eigenständiger Fraktionen; später stand das vor allem in Brandenburg und Preußen existierende konservative Vereinswesen im Zeichen der politischen Reaktion. Lutherische Obrigkeitsideale und Vorstellungen vom Gottesgnadentum besaßen im konservativen Lager eine […]

Die Hohenzollern und die Demokratie nach 1918

Martin Sabrow Das Thema klingt klar umrissen und ist es doch keineswegs: Denn „die“ Hohenzollern stellten nach 1918 zu keiner Zeit die geschlossene Dynastie dar, wie sie allenfalls noch ihrem Oberhaupt Wilhelm II. im Doorner Exil vorschweb­te, noch agierten sie im Rahmen einer einheitlichen politischen Kultur und Öffentlichkeit. Das Spektrum der entmachteten Familie reichte schon […]

Die Reichsgründung zwischen Juden-Emanzipation und Antisemitismus

Sabine Mangold-Will „Von ungeheurem Patriotismus geschwellt“, so schrieb der liberale pfälzische Rabbiner Caesar Selig­mann, „war in jenen Tagen (der Reichsgründung, SMW), wie bis zum Weltkrieg 1914, mein leicht ent­zündliches Herz.“ Und der spätere preußische Justizrat Dr. Martin Lö­vin­son assistierte ihm im Rück­blick mit den folgenden Worten zum Jahr 1871: „Der siegreiche Krieg fand seinen Abschluß […]

Reichsgründung – Ein Erinnerungsort im deutschen Judentum?

Tobias Hirschmüller Allein die Fragestellung dieses Beitrags, ob die Reichsgründung ein Erinnerungsort im deutschen Judentum ist, könnte schon Einwände hervorrufen. Gab oder gibt es denn genau ein „deutsches Judentum“, dem sich einheitliche Einstellungen zuschreiben lassen, oder nicht eher viele jüdische Deutsche mit ganz unterschiedlichen Weltsichten? Es muss klar sein, dass es nur darum gehen kann, […]

Demokratische Intellektuelle im Kaiserreich

Marcus Llanque Gab es „demokratische“ Intellektuelle im Kaiserreich? Bereits das Verhältnis der meisten Intellektuellen der Kaiserreichs-Zeit zur Politik im Allgemeinen war spannungsreich, und das prägte auch ihre Einstellung zur Idee und Praxis der Demokratie. Ohne Zweifel gab es demokratische Züge in der politischen Ordnung des Kaiserreichs. Je weiter man sich von der Reichsebene entfernt, stößt […]

Das deutsche Kolonialreich nach 1918: Trauma, Glorifizierung, Vergessen und spätes Erinnern

Ulf Morgenstern Wer von Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert spricht, darf über die Kolonialgeschichte nicht schweigen. So kann eine Erkennt­nis lauten, zu der man seit einigen Jahren nach dem Blick in die Feuilletons und in einen wachsenden Teil der historischen Fachliteratur kommen kann. Was ist daran neu? Lange Zeit gehörte das globale Wirtschaften […]

Bundeswehr und Kaiserheer – Monarchistische Traditionen für demokratische Streitkräfte?

Florian J. Schreiner „Deutschlands Geschichte ist Soldatengeschich­te“, stellte Chefredakteur Frank Werner im Sonderheft der ZEIT „Die Deutschen und ihre Soldaten“ wie selbstverständlich fest. Auf dem Titelblatt prangt das Eiserne Kreuz, die vom preußischen Monarchen jeweils 1813, 1870 und 1914 gestiftete militärische Tapferkeitsauszeichnung im Kampf für „Kaiser, Gott und Vaterland“. Heute ist es das zentrale Identifikationsmerkmal […]

„KRIEG MACHT NATION“ – Eine Ausstellung des Militärhistorischen Museums zur Gründung des deutschen Kaiserreichs

Katja Protte Das Konzept von Nation und Nationalstaat steht heute mehr denn je im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Sehnsucht nach Heimat und regionaler Identität. Das Militärhistorische Museum hat daher die 150-jährige Wiederkehr des Deutsch-Französischen Krieges und der Gründung des deutschen Kaiserreichs zum Anlass genommen, ein Thema aufzugreifen, dem sich lange Zeit kein großes Ausstellungsprojekt mehr […]

Vom Umgang mit der Reichsgründung in der
deutschen Geschichte nach 1871

Ulrich Lappenküper I. „Wir stehen heute fest auf dem Fundament der Freiheitsbewegung und der Demokratiegeschichte“, beteuerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 3. Oktober 2020 in einer Rede zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit – und fügte dann erläuternd hinzu: „Wir berufen uns auf die Ideen des Hambacher Festes, der Paulskirche, der Weimarer Demokratie, des Grundgesetzes und […]

„Wer Deutschland regieren will, muß es sich erobern“
Das Kaiserreich als monarchisches Projekt Wilhelms I.

Jan Markert „Unsere Generation erscheint mir wie die Märtyrer Generation“, klagte Prinz Wilhelm von Preußen (1797–1888) gegenüber seiner Schwester 1831, „wir sollen Alles durchmachen; vielleicht viele Umstellun­gen in der Welt und menschlichen Gesellschaft erleben, die […] einst zum Heil der Menschen ausschla­gen sollen, – von welchem Heil ich jedoch jetzt nichts ahnden kann […].“[1] Wie […]

Wie demokratisch war der Obrigkeitsstaat? Zur Einleitung

Markus Lang Am 29./30. Oktober 2020 trafen sich 40 Expertinnen und Experten, um über die Stellung des Kaiserreichs in der deutschen Demokratiegeschichte zu diskutieren. Die Tagung sollte eigentlich in der Mendelssohn-Remise in Berlin stattfinden, wurde aufgrund der Corona-Pandemie jedoch kurzfristig als Online Work­shop abgehalten. Warum eine wissenschaftliche Tagung zum Kaiserreich? Und was hat ein häufig […]

Verfassung und Staatsrechtslehre. Konstruktion und Kritik

Michael Dreyer Verfassunggebung und Verfassung Am 16. April 1867 trat ein Unikum in die Welt: 22 souveräne Staaten hatten sich auf eine gemeinsame Verfassungsordnung verständigt, und im konstituierenden Reichstag verabschiedeten 297 Abgeord­nete in nur 35 Sitzungen, die sich über gerade mal 55 Tage erstreckten, die 79 Artikel der Verfassung des Norddeutschen Bundes, die vier Jahre […]