Liebknecht200
Am 29. März 2026 feierte die Stadt Gießen den 200. Geburtstag von Wilhelm Liebknecht und eröffnete damit ein Jahresprogramm, das einen der bedeutendsten Demokraten des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellt. Liebknecht, geboren in Gießen, war Revolutionär, Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie und entschiedener Kriegsgegner. Seine Kernthemen – soziale Gerechtigkeit, Bildung, Frieden und Demokratieentwicklung – bilden das Fundament eines Projekts, das historische Erinnerung in partizipative politische Bildung übersetzt. Das von uns geförderte Projekt Liebknecht200 macht Gießen bis Ende 2026 zum Labor demokratischer Ideen. Höhepunkt ist die „Ars Democratica – der Festigress für politische Bildung“ am 23. und 24. Oktober.
Liebknecht und die Demokratiegeschiche
Wilhelm Liebknecht beteiligte sich an der Revolution von 1848/49, die für demokratische Rechte, Verfassungen und nationale Einheit kämpfte. Neben August Bebel war er Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, leidenschaftlicher Parlamentarier und entschiedener Kriegsgegner. Aufgrund seiner politischen Überzeugungen wurde er verfolgt, mehrfach inhaftiert und lebte in der Schweiz und in London im Exil. Er war Journalist, unter anderem Chefredakteur des „Vorwärts“, und Reichstagsabgeordneter. Sein Wirken ist bis heute parteiübergreifend relevant: Er betonte die zentrale Bedeutung von Bildung und setzte sich für die Selbstorganisation und politische Institutionalisierung der Arbeiterbewegung ein. Als er am 7. August 1900 in Charlottenburg starb, ehrten ihn rund 150 000 Menschen als eine von zwei Führungsfiguren der deutschen Sozialdemokratie.
Das Projekt Liebknecht200
Seine Werte – Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit – sind bis heute zentral für jede Demokratie. Gerade in einer Zeit, in der demokratische Grundwerte weltweit unter Druck stehen, braucht es neue Wege der historisch-politischen Bildung, die über Faktenvermittlung hinausgehen, Emotionalität zulassen und Lust auf Mitgestaltung machen. Hier setzt Liebknecht200 an: Das Projekt übersetzt Liebknechts Gedanken in heutige Fragen und macht Demokratiegeschichte in partizipativen Formaten erfahrbar. Der geschichtliche Bezug zur eigenen Stadt, in der man lebt, lernt oder studiert, schafft dabei einen besonderen Zugang – nur wer die Geschichte versteht, kann sich gesellschaftlich verorten und Zukünftiges entwerfen.
Mit einem Festtag ist am 29. März 2026 in der Kongresshalle Gießen das Wilhelm-Liebknecht-Jahr eröffnet worden. Hunderte Gäste kamen zusammen, um den 200. Geburtstag zu feiern – mit Talks, Musik, Theater und Gesprächen. Ein besonderer Ehrengast war Marianne Liebknecht, die Urenkelin des Geburtstagskindes. Unser Stiftungsdirektor Dr. Kai-Michael Sprenger eröffnete den Tag mit einem Impulsvortrag zur Bedeutung Wilhelm Liebknechts für die deutsche Demokratiegeschichte und die Aktualität seiner Ideen. Im Anschluss diskutierte Bodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, gemeinsam mit Heike Hofmann (Hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales), Robin Mastronardi (Geschäftsführer des DGB Mittelhessen) und Tina Cramer (Peace Research Institute Frankfurt, PRIF) über soziale Gerechtigkeit, Beteiligung und Verantwortung in einer lebendigen Demokratie. Den feierlichen Höhepunkt des Nachmittags setzte Martin Schulz, Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung, mit einer Festrede, in der er Liebknecht als Gründungsvater der Sozialdemokratie und Mahner für Freiheit, Solidarität und Bildung würdigte.
Das Jahr über eröffnet ein abwechslungsreiches Programm verschiedene Perspektiven auf Liebknecht. Viele Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Kunst und Kultur tragen dazu bei, Gießen zu einem Labor demokratischer Ideen zu machen: Fünf Tage lang fragte die partizipativen Performance „Liebknecht. Ein Auszug“ im Juni auf dem Kirchenplatz nach unserer heutigen Protestkultur. Im Museum für Gießen ist die Ausstellung „Von Barrikaden und Parlamenten. Wilhelm Liebknechts Ideen für die Demokratie“ zu sehen. Der Kurzfilm von Csongor Dobrotka über Wilhelm Liebknecht feierte zu Wilhelm Liebknechts Todestag am 7. August Premiere und kann online gestreamt und heruntergeladen werden. Die interdisziplinäre wissenschaftliche Konferenz „Demokratie made in Giessen“ am 5. und 6. November stellt vier zentrale Themen Wilhelm Liebknechts in den Mittelpunkt: Demokratie, Krieg/Frieden, Bildung und Publizistik. Zudem fungiert Liebknecht200 als Knotenpunkt für zahlreiche Partnerinnen und Partner und bündelt bundesweit Veranstaltungen auf liebknecht200.de. Die Stadt Gießen ruft alle Interessierten auf, eigene Beiträge beizusteuern und Veranstaltungen auf der Website einzutragen.








Ars Democratica – der Festigress für politische Bildung
Am 23. und 24. Oktober 2026 findet in der Kongresshalle Gießen und im öffentlichen Stadtraum die „Ars Democratica – der Festigress für politische Bildung“ statt – die größte Veranstaltung im Jubiläumsjahr. Sie verbindet Festival und Kongress und lädt Akteurinnen und Akteure aus politischer Bildung, Wissenschaft und künstlerischen Feldern sowie alle gesellschaftlich Engagierten ein, gemeinsam die vier großen Themen Wilhelm Liebknechts zu verhandeln: Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung und Demokratieentwicklung. Jedem Themenschwerpunkt wird ein halber Festivaltag gewidmet. Ein kontinuierliches Rahmenprogramm mit Interaktions-Stationen, Ruhe-Inseln und musikalischen Beiträgen ergänzt das Angebot.
Den Auftakt macht das Brachland-Ensemble unter der Überschrift „Trotz Dem – warum die Welt viel besser ist, was wir dafür können und warum der erste Teil dieses Satzes Sie eventuell wütend macht“. Weitere Beiträge aus Performance, Wissenschaft und Stadtgesellschaft kommen unter anderem von Künstlerinnen und Künstler vom zaungäste kollektiv, andcompany&Co und machinaEX, der Sozialaktivist Ali Can, der Sozialwissenschaftler Dr. Stefan Kroll (Peace Research Institute Frankfurt (PRIF)/Leibniz-Institut für Friedens und Konfliktforschung) sowie Nora Lindemann (Forschungsgruppe „Ethik und kritische Theorien der KI“ am Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück). Ebenfalls auf dem Programm: Ein Liederabend des Stadttheaters Gießen zur Frage, wie Aufstand klingt, von Ben Janssen, Joey Nashaa Scholl, Carolin Weber, Aleksandr Kapeliush und Jojo Büld und Konzerte von Bernadette La Hengst und Fritzi Ernst.
Das Kulturamt Gießen kuratiert die Ars Democratica in Kooperation mit dem Brachland-Ensemble aus Brüssel/Nürnberg, das sich auf Projekte zwischen zeitgenössischem Theater und politischer Bildung spezialisiert hat.

Liebknecht200 wird ausgerichtet von der Stadt Gießen und gefördert durch die Stiftung Orte deutscher Demokratiegeschichte, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Gemeinnützige Stiftung Sparkasse Gießen und die SPD. Die Ars Democratica wird von der Stadt Gießen in Zusammenarbeit mit dem Brachland-Ensemble und Greta Katharina Klein ausgerichtet. Die Ars Democratica wird zudem gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung. Kooperationspartner der Ars Democratica sind das Stadttheater Gießen und das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen.
Infos und Programm: liebknecht200.de.
Bildquellen
- Talk: Demokratie gestalten – damals und heute: Perspektiven auf Wilhelm Liebknecht: © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
- Auf ein Wort bei Brot und Suppe – Wilhelm Liebknecht in Gesprächen: © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
- Wheel of Scores lädt auf der Geburtstagsfeier von Wilhelm Liebknecht zum Mitmachen und Entdecken ein: © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
- Festakt (mit Martin Schulz): © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
- Party vom Brachland-Ensemble: © Rolf K. Wengst
- Einfach Singen!: © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
- Stadtführung ins historische Zentrum: © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
- Festrede: „„200 Jahre Wilhelm Liebknecht – Wegbereiter für Freiheit und Solidarität“ von Martin Schulz, Vorsitzender der Friedrich-Ebert- Stiftung: © Stadt Gießen, Foto: Ralf Hofacker
