Eine kurze deutsche Geschichte der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
17. Jahrhundert
Die ersten Deutschen sind nachweislich bereits im Jahr 1562 in den heutigen USA beheimatet. Die erste permanente deutsche Siedlung wird als Germantown in Pennsylvania, einige Meilen nördlich von Philadelphia, im Jahr 1683 gegründet. William Penn, der im Jahr 1681 Pennsylvania und ein Jahr später Philadelphia gründet, verkauft Landflächen an Krefelder und Frankfurter Gesellschaften („Frankfurter-Land-Kompagnie“), die vom Juristen Franz Daniel Pastorius verwaltet werden. Dreizehn Familien, „Original 13“, aus Krefeld überqueren mit der Concord im Herbst 1683 den Atlantik, wo Pastorius bereits am 6. Oktober mit den von Penn zugeteilten Ländereien auf sie wartet. Die Einwohnerzahl der deutschsprachigen Gemeinden steigt schnell, so dass zwischen 75.000 bis 100.000 deutschsprachige Siedler bereits vor dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in Pennsylvania leben. Sinnbildlich für diese Entwicklung sind die Einwohnerzahlen Philadelphias.


18. Jahrhundert
Fast von Beginn an spielt das Druckwesen eine entscheidende Rolle in Germantown. Zuerst produzieren mit mäßigem Erfolg in den frühen 1730er-Jahren die US-amerikanischen Druckpioniere Andrew Bradford und Benjamin Franklin deutschsprachige Druckprodukte. Doch 1734 lässt sich Johann Christoph Sauer (Christopher Sower), Sohn eines reformierten Pfarrers aus Ladenburg am Neckar, in Germantown nieder und richtet eine deutsche Buchdruckerwerkstatt mit Drucktypen aus der Egenolff-Lutherschen Schriftgießerei aus Frankfurt am Main ein. Zum ersten Mal kann in den Kolonien mit dem deutschen Frakturtyp gedruckt werden. Sauer hat von Beginn an Erfolg, da deutsche Leser und Leserinnen mit dem Druckbild aus der Heimat vertraut sind. Im Jahr 1739 publiziert er deutschsprachige Zeitungen, Almanache und 1743 sogar eine Bibel („Germantown Bible“), die erste in den Kolonien in deutscher Sprache gedruckte Vollbibel. Sein Sohn führt die Geschäfte weiter und erhält erst mit Johann Heinrich Möller (Henrich Miller) einen Konkurrenten, der 1762 Der Wöchentliche Philadelphische Staatsbote, ab 1775 bekannt als Henrich Millers Pennsylvanischer Staatsbote, und politische Druckschriften verlegt. Seit Beginn des Jahres 1776 sorgt eine neue deutsche Buchdruckerei von Melchior Steiner und Charles Jacob Sigismund Thiel (Carl Cist) für Aufsehen, als sie Thomas Paines revolutionäres Pamphlet Common Sense unter Gesunde Vernunft veröffentlicht. Cist und Steiner werden schnell für ihre deutschen Übersetzungen von Regierungsinstitutionen bekannt.
Revolutionsjahre um 1776
Der Beginn der Revolutionszeit liegt spätestens im Jahr 1763, als Großbritannien beginnt die Verwaltung und Besteuerung der nordamerikanischen Kolonien zu reformieren. Um sich in ihren Reaktionen abzustimmen, berufen regionale Vertretungen von zuerst zwölf Kolonien im sogenannten Britisch-Nordamerika einen Kontinentalkongress in Philadelphia ein. Mit Ausbruch des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges verschärft sich die Krise und ein Zweiter Kontinentalkongress wird in Philadelphia ausgetragen. Eine Loslösung von Großbritannien und die Bildung eines eigenen souveränen Staatenbunds – einer Konföderation – kristallisiert sich heraus. Am 10. Mai 1776 beschließt der Kontinentalkongress, dass alle dreizehn Kolonien neue Regierungen stellen. Der nächste Schritt folgt am 7. Juni 1776 als Richard Henry Lee im Auftrag der Delegation Virginias die Resolution zur Loslösung der Britischen Krone verließt. Am 11. Juni werden die Delegierten, Thomas Jefferson aus Virginia, Benjamin Franklin aus Pennsylvania, Robert Livingston aus New York, Roger Sherman aus Connecticut und John Adams aus Massachusetts („Committee of Five“), ernannt einen Entwurf für eine Erklärung zu diesem Vorgang bis zum 28. Juni zu verfassen. Den ersten Entwurf verfasst Jefferson und diskutiert diesen im Nachgang mit den anderen Mitgliedern. Die Entstehungsgeschichte des Entwurfes ist lediglich in den Jahre später niedergeschriebenen Erinnerungen von Jefferson und Adams dokumentiert, die sich voneinander unterscheiden. Den größten Beitrag des Entwurfs liefert als angesehener Autor jedoch nachweislich Jefferson. Doch am 2. und 3. Juli redigiert der Kontinentalkongress den Entwurf und kürzt ihn um ca. 500 Wörtern, so dass das finale Dokument mit Titel 1.337 Wörter enthält. Am 4. Juli verabschieden die Delegierten von zwölf der dreizehn Kolonien – nun Staaten – hierzu eine Erklärung, die erst später als Unabhängigkeitserklärung in die Geschichte eingeht.




Drucke
Der erste Drucker der Unabhängigkeitserklärung ist John Dunlap. Sein Einblattdruck vom 4. Juli wird an Gouverneure, Versammlungen und einflussreiche Privatpersonen in allen neugegründeten Staaten verschickt. Am 6. Juli publiziert Benjamin Towne die Erklärung in seiner Zeitung, The Pennsylvania Evening Post, und am 8. Juli morgens folgt eine Ankündigung zu ihrer Proklamation in Dunlaps Pennsylvania Packet.
Bereits am 3. Juli kündigt Christoph Sauer II in seiner Germantowner Zeitung den entscheidenden Beschluss des Kontinentalkongresses zur Unabhängigkeit der Kolonien an. Am 5. Juli berichtet Henrich Miller in seinem Pennsylvanischen Staatsboten, dass die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet und im Druck sei. Vermutlich erscheint am 8. Juli bei Steiner und Cist die deutsche Übersetzung als Einblattdruck in Fraktur (s. Abb. 8). Die meisten Einblattdrucke bleiben nicht erhalten; heute sind zwei dieser Exemplare erhalten: im Gettysburg College und Deutschen Historischen Museum in Berlin. Eine weitere deutsche Übersetzung erscheint am 9. Juli auf der Titelseite von Millers Pennsylvanischer Staatsbote. Die Übersetzungen informieren deutschsprachige Mitbürger, die in Pennsylvania um 1776 ein Drittel der Bevölkerung bilden. Die Arten, wie die Unabhängigkeitserklärung gedruckt oder reproduziert wird, variieren in Format, Rechtschreibung, Schriftgröße und Zeichensetzung. Es gibt keine offizielle amtliche Vorgabe eines Textes oder einer Struktur.
Vor allem Einblattdrucke werden als Handzettel verteilt und für Proklamationen in vielen Gemeinden und vor den Truppen George Washingtons in den folgenden Wochen verwendet. Über Verlesungen des deutschen Plakatdrucks sind keine Einzelheiten bekannt. Doch die Übersetzungen sind in ihrer Genauigkeit, Ausdruck und Schnelligkeit beeindruckend. Die erste nichtenglische Version der Unabhängigkeitserklärung liegt binnen weniger Tage nach der Verabschiedung im Kontinentalkongress vor. Doch auch für Übersetzungen gibt es keine Vorgaben des Kontinentalkongresses.
Während des Sommers wird die Unabhängigkeitserklärung in allen dreizehn Kolonien in Zeitungen abgedruckt, als Einblattdruck verteilt, verlesen und über den Atlantik verschifft. Die Nachricht einer gedruckten Version der Erklärung erreicht Europa im August 1776. Nach London gelangt die Erklärung am 16. August und wird exzerpiert, zensiert und manipuliert. Als Vorlagen für die Übersetzungen im weiteren Europa dienen die Londoner Beispiele oder die teils freien bis sehr wörtlichen Übersetzungen aus Frankreich. Ein Beispiel hierfür findet sich im Reichspostreuter in Altona. Manchmal werden auch nur Teile der Unabhängigkeitserklärung veröffentlicht, wie in der Frankfurter Oberpostamtszeitung vom 23. August. Die erste vollständige deutsche Übersetzung in Europa liefert der Basler Isaak Iselin im Oktober 1776. Die wertvollen Übersetzungen von Miller, Steiner und Cist treten erst 1987 wieder zum Vorschein.


19. Jahrhundert
In den direkt folgenden Jahrzehnten spielt die Unabhängigkeitserklärung keine entscheidende Rolle im heutigen deutschen Staatsgebiet. Im Frankfurter Paulskirchenparlament von 1848/49 setzen sich die Parlamentarier mit Bezug auf die USA primär mit der US-amerikanischen Verfassung von 1787 auseinander, um einem losen Staatenbund eine gemeinsame liberale Verfassung und Struktur zu geben. Selbst in den USA rückt die Unabhängigkeitserklärung erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts wieder in den Fokus weiter Teile der Öffentlichkeit.



20. Jahrhundert
Das deutsche Verständnis für den US-amerikanischen Konstitutionalismus wächst im 20. Jahrhundert. Insbesondere der Politiker und Rechtswissenschaftler Hermann von Mangoldt schreibt in den 1930er Jahren bedeutende deutsche Beiträge zur Analyse des US-amerikanischen Verfassungssystems. Als Mitglied des Parlamentarischen Rats, der 1948/49 das Grundgesetz (GG) entwirft, prägt er die deutsche Verfassung auch durch demokratische Ideale der Unabhängigkeitserklärung, so im Art. 20 Abs. 4 GG über das Widerstandsrecht:
Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Am 15. Mai 1976 findet anlässlich des 200. Jubiläums der Unabhängigkeitserklärung ein Festakt in der Frankfurter Paulskirche statt. Anwesend sind auch Bundeskanzler Helmut Schmidt und Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika Nelson A. Rockefeller, der sich in seiner Ansprache bei der deutschen Bevölkerung für die große Anteilnahme an den Feierlichkeiten bedankt.



21. Jahrhundert
Die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung ist eines der bedeutendsten Dokumente der Neuzeit und steht am Ursprung der freiheitlichen atlantischen Verfassungen. Zugleich ist sie ein Symbol, dass viele Deutsche die USA vor und seit Bestehen ihrer Republik geformt haben. So erinnern wir auch 250 Jahre später an die erste Deklaration, die unveräußerliche Rechte der Menschen auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück als Grundlage politischen Handelns festschrieb.



Quellen
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt Best. V113 Nummer 544.
Ein gemeinsames Projekt:

Bildquellen
- Abb. 2: Gemeinfrei
- Abb. 3: Christopher Sauer, Public domain
- Abb. 4: Benjamin Franklin, Gemeinfrei
- Abb. 5: Charles Édouard Armand-Dumaresq, Gemeinfrei
- Abb. 6: John Trumbull, Gemeinfrei
- Abb. 7: © Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte
- Abb. 8: Deutsches Historisches Museum Berlin, Gemeinfrei
- Abb. 9: The U.S. National Archives, Gemeinfrei
- Abb. 10: Jean Ventadour (1822-1880), Gemeinfrei
- Abb 11: Gemeinfrei
- Abb. 12: Ws-KuLa, CC BY-SA 3.0
- Abb. 13: © Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, Foto: Telesniuk
- Abb, 14: Fotograf Hans Schafgans, 1977, CC BY-SA 2.0
- Abb. 15: White House, Gemeinfrei
- Abb. 16: © Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte
- Abb. 17: © Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte
- Abb. 18: © Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte
- Titelbild des Eintrags – Dunlap Broadside: The U.S. National Archives, Gemeinfrei

