Plakette „Ort der Demokratiegeschichte“ für die Ford-Werke Köln
Am 29. Oktober 2026 haben die Ford-Werke in Köln-Niehl die Plakette Ort der Demokratiegeschichte erhalten. Der Ort erinnert an den „wilden“ Streik vom August 1973, bei dem Tausende Beschäftigte, viele von ihnen aus der Türkei, das Werk besetzten und gleiche Rechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen forderten. Ein Grußwort zur Veranstaltung kam von Cem Özdemir, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Er ordnete den Streik als Teil einer vielfältigen deutschen Demokratiegeschichte ein, die ohne die Erfahrungen und Kämpfe von Migrantinnen und Migranten nicht vollständig erzählt werden kann. Den Abschluss des Abends bildete das von uns geförderte Musical „Baha und die wilden Siebziger“ des Sanat Ensembles in der historischen A-Halle des Werks.
Ein Abend in der A-Halle
Die Plakette wurde gemeinsam mit unseren Partnern Ford Köln, dem Vertrauenskörper der IG Metall bei Ford und InterKultur e.V. Köln enthüllt. Unter dem Titel „Deine, meine, unsere Geschichte?! Der Beitrag von Migration zur deutschen Erinnerungskultur“ fand vor der Aufführung ein Panel im Saal der A-Halle statt. Die Halle direkt am Rhein ist die erste Produktionsstätte des amerikanischen Ford-Konzerns in Deutschland, dort wird bis heute produziert. Im Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen des Werks ist sie zum ersten Mal für Gäste von außerhalb des Betriebs geöffnet.
Das Grußwort von Cem Özdemir
In seinem Grußwort sprach Ministerpräsident Cem Özdemir über die Bedeutung des Streiks von 1973 und über die Menschen, die als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in die Bundesrepublik kamen. Sie waren nicht nur Arbeitskräfte auf Zeit, sondern brachten sich ein, forderten ihre Rechte und prägten damit Betriebe, Gewerkschaften und Gesellschaft. Özdemir machte deutlich, dass Migration ein wichtiger Teil der deutschen Demokratiegeschichte ist.
Der Streik von 1973
Nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei von 1961 arbeiteten bei Ford in Köln viele Menschen aus der Türkei. 1973 stellten sie rund ein Drittel der Belegschaft. Sie arbeiteten fast ausschließlich als Hilfskräfte am Fließband der Endmontage, waren in die untersten Lohngruppen eingestuft und im Betriebsrat kaum vertreten. Gleichzeitig stiegen die Preise schneller als die Löhne. Im Laufe des Jahres kam es in der Bundesrepublik an mehr als 300 Orten zu Arbeitsniederlegungen ohne gewerkschaftlichen Aufruf, an denen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten maßgeblich beteiligt waren.
Auslöser bei Ford war die fristlose Entlassung von rund 300 Beschäftigten aus der Türkei, die nach der tagelangen Autofahrt verspätet aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt waren. Am 24. August 1973 legte die Spätschicht die Arbeit nieder. Deutsche und migrantische Beschäftigte streikten zunächst gemeinsam, besetzten das Werk und wählten ein eigenes Streikkomitee mit den Sprechern Baha Targün und Dieter Heinert. Sie forderten die Wiedereinstellung der Entlassenen, „1 DM mehr für alle“, sechs Wochen Urlaub und langsamere Bänder.
Die Solidarität hielt aber nicht. Betriebsrat und IG Metall lehnten den Streik ab, viele deutsche Beschäftigte zogen sich zurück, und Boulevardzeitungen schürten mit Schlagzeilen wie „Türken-Terror bei Ford“ Vorurteile. Am 30. August griff eine sogenannte Gegendemonstration aus Vorgesetzten, Werkschutz, leitenden Angestellten und Zivilpolizei die Streikenden an. Die Polizei räumte das Werk. Mehr als 100 Beschäftigte wurden entlassen, etwa 600 weitere kündigten unter Druck selbst, und Baha Targün wurde in die Türkei abgeschoben. Keine der Forderungen wurde erfüllt.
Obwohl der Streik scheiterte, wirkte er über Köln hinaus. Er zeigte, dass Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten für ihre Rechte eintraten, und zwang Gewerkschaften und Betriebe, sich stärker um sie zu kümmern. 1975 gewannen bei Ford oppositionelle Listen die Betriebsratswahl, in denen auch Beteiligte des Streiks mitwirkten. Der Staat reagierte zugleich mit Abwehr: Im November 1973 verhängte die Bundesregierung den Anwerbestopp, und der Streik hatte die Debatte darüber verschärft. Lange hielten vor allem ehemalige Beteiligte, Initiativen und das Kölner Migrationsmuseum DOMiD die Erinnerung wach.
Mehr zur Geschichte des Ortes auf der Karte der Demokratiegeschichte.


„Baha und die wilden Siebziger“
Das Musical von Nedim Hazar und dem Sanat Ensemble Köln erzählt mit 22 Mitwirkenden, darunter Zeitzeugen und eine Live-Band, vom Streik der meist migrantischen Ford-Arbeiter. Die ehemaligen Streikenden Seyfo Kurt und Peter Bach berichten auf der Bühne von den Arbeitsbedingungen und der gewaltsamen Niederschlagung des Streiks. Die meisten Figuren um Baha sind aber erfunden. Wir haben das Musical gefördert. Weitere Aufführungen in der A-Halle finden am 30. Oktober und am 7. November 2026 statt.
Bildquellen
- Streik bei Ford – August 1973: greven-archiv-digital.de | KR_10_0001508 | Kölnische Rundschau | Dalchow, Christian
- Einer der Streikführer, Baha Türgün, mit Megaphon bei dem Streik in den Ford-Werken in Köln-Niehl im August 1973.: greven-archiv-digital.de | KR_10_0001513 | Kölnische Rundschau | Dalchow, Christian
