Ford-Werke Köln
Im August 1973 legten in den Kölner Ford-Werken Tausende Beschäftigte die Arbeit nieder, viele von ihnen aus der Türkei. Sie besetzten das Werk und forderten mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Der gewaltsam beendete „wilde“ Streik legte offen, wie es um Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik stand und wie Politik, Gewerkschaft und Öffentlichkeit mit ihrem Protest umgingen.
Seit dem Anwerbeabkommen mit der Türkei von 1961 arbeiteten bei Ford in Köln-Niehl viele Menschen aus der Türkei, im Jahr 1973 rund stellten sie rund ein Drittel der Belegschaft. Beschäftigt waren sie fast ausschließlich als Hilfskräfte am Fließband der Endmontage, der sogenannten Y-Halle, eingestuft in die untersten Lohngruppen und im Betriebsrat kaum vertreten. Hinzu kam eine wirtschaftliche Lage, in der die Preise deutlich schneller stiegen als die Löhne. Im Laufe des Jahres 1973 kam es in der Bundesrepublik an mehr als 300 Orten zu sogenannten wilden Streiks, also zu Arbeitsniederlegungen ohne gewerkschaftlichen Aufruf, an denen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten maßgeblich beteiligt waren.
Auslöser des Streiks bei Ford war die fristlose Entlassung von rund 300 Arbeiterinnen und Arbeitern aus der Türkei. Sie waren zu spät aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt – ein Umstand, der mit der tagelangen Autofahrt zusammenhing und den das Unternehmen in früheren Jahren geduldet hatte. Nun sollte die Arbeit der Entlassenen auf die übrige Belegschaft verteilt werden. Am 24. August 1973 zogen zunächst einige Hundert Beschäftigte durch das Werk, bald legte die ganze Spätschicht die Arbeit nieder. Am Anfang streikten deutsche und migrantische Kolleginnen und Kollegen gemeinsam. Sie forderten die Wiedereinstellung der Entlassenen, „1 DM mehr für alle“, sechs Wochen Urlaub und langsamere Bänder. Die Streikenden besetzten das Werk und wählten ein eigenes Streikkomitee, mit den Sprechern Baha Targün und Dieter Heinert.
Doch die Solidarität hielt nicht. Betriebsrat und IG Metall lehnten den Streik ab und forderten die Rückkehr an die Arbeit. Viele deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter zogen sich zurück. Boulevardzeitungen sprachen vom „Türkenstreik“ und titelten „Türken-Terror bei Ford“. Solche Schlagzeilen schürten Vorurteile und machten andere Beteiligte unsichtbar. Weil auch linke Gruppen den Streik unterstützten, warnten Politik und Gewerkschaft vor „Extremisten“. Am 30. August griff eine sogenannte Gegendemonstration die Streikenden an. Daran beteiligten sich Vorgesetzte, Werkschutz, leitende Angestellte und Zivilpolizei. Danach räumte die Polizei das Werk und nahm die Streikführung fest. Mehr als 100 Beschäftigte wurden fristlos entlassen, etwa 600 weitere kündigten unter Druck selbst. Baha Targün wurde in die Türkei abgeschoben. Keine der Forderungen wurde erfüllt.
Anders als der Streik bei Pierburg in Neuss kurz zuvor scheiterte der Streik bei Ford. Trotzdem wirkte er über Köln hinaus. Er zeigte, dass die sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nicht nur Arbeitskräfte auf Zeit waren, sondern ihre Rechte einforderten. Gewerkschaften und Betriebe mussten sich stärker um migrantische Beschäftigte kümmern. Bei Ford gewannen 1975 oppositionelle Listen die Betriebsratswahl, in denen auch Beteiligte des Streiks mitwirkten. Zugleich reagierte der Staat mit Kontrolle und Abwehr: Im November 1973 verhängte die Bundesregierung einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte. Der Streik war dafür nicht der einzige Grund, er hatte die Debatte aber verschärft.
Das Werksgelände ist heute nicht öffentlich zugänglich. Lange hielten vor allem ehemalige Beteiligte, Initiativen sowie Forscherinnen und Forscher die Erinnerung an den Streik wach. Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln veröffentlichte 2013 eine Studie zum Streik und sammelt Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Zum 50. Jahrestag 2023 gab es Ausstellungen, Gespräche und Tagungen. Auch Theater und Musik greifen das Thema auf, etwa das von uns geförderte Musical „Baha und die wilden 70er“ von Nedim Hazar. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, wie man an einen Streik erinnert, der mit einer Niederlage endete und damals als Bedrohung galt. Dass Ford heute selbst an den Streik erinnert, zeigt einen Wandel im Umgang mit dieser Geschichte. Seit dem 29. November 2026 trägt der Ort die Plakette der Karte der Demokratiegeschichte.

Migrantinnenstreik bei Pierburg