Das Palais Schaumburg am Bonner Rheinufer war von 1949 bis 1976 das Herz der Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Hier arbeiteten alle Bundeskanzler von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt. Heute ist das Palais zweiter Dienstsitz des Bundeskanzleramts.


Das Palais Schaumburg wurde 1858 für einen Bonner Tuchfabrikanten als Stadtvilla in Stil und Größe eines barocken Lustschlosses erbaut. 1891 zog hier Viktoria von Preußen ein, die jüngere Schwester Kaiser Wilhelms II. und Ehefrau von Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe. Von ihm erhielt das Haus seinen Namen. Die Villa wurde zum gesellschaftlichen Mittelpunkt Bonns, der Kaiser war häufig zu Besuch und nächtigte im späteren Kabinettszimmer der Kanzler.

Nach ihrem Tod wurde das Gebäude mehrfach verkauft und 1925 vom Deutschen Reich erworben. In den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs zog eine militärische Dienststelle ein, später wurde das Palais von britischen und belgischen Truppen genutzt. Trotz des Kriegs blieb das Gebäude weitgehend unbeschädigt.

Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 erhielt das Palais Schaumburg eine völlig neue Bedeutung: Es wurde zum Amtssitz des ersten deutschen Bundeskanzlers, Konrad Adenauer. Zuvor hatte der Regierungschef übergangsweise im Zoologischen Museum Alexander Koenig gearbeitet. Adenauer drängte früh darauf, das Palais von den belgischen Besatzungstruppen frei zu bekommen. Am 25. November 1949 zog er ein.

In den folgenden Jahren wurde das Palais Schaumburg zum Dreh- und Angelpunkt der Bonner Republik. Hier fanden Kabinettssitzungen, Krisengespräche und Staatsbesuche statt. Adenauer empfing im Juli 1963 den französischen Präsidenten Charles de Gaulle, ein wichtiger Moment für die deutsch-französische Aussöhnung. Auch seine Nachfolger – Ludwig Erhard, Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt und Helmut Schmidt – führten von hier aus die Regierungsgeschäfte.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs jedoch auch die Regierung, und das Palais wurde bald zu klein. 1969 wurde schließlich ein neues Kanzleramtsgebäude zwischen Palais und Bundeshaus geplant, das 1976 bezogen wurde. Das Palais blieb als repräsentativer Ort in Nutzung – Helmut Kohl etwa unterzeichnete hier wichtige Verträge, Gerhard Schröder standen zwei eigens eingerichtete Wohnräume zur Verfügung. Seit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin 1999 steht das Palais Schaumburg weiterhin im Eigentum des Bundes und dient als zweiter Dienstsitz der Bundeskanzlerin oder des Bundeskanzlers.

Das Gelände liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Villa Hammerschmidt, dem Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten. Es ist Teil eines einzigartigen Ensembles der Demokratiegeschichte: dem ehemaligen Kanzlerbungalow, der Villa Hammerschmidt, dem Bundesratsgebäude und dem alten Plenarsaal, in dem 1948/49 das Grundgesetz entstand. Zusammen bilden sie eine lebendige Erinnerungslandschaft an die Aufbaujahre nach 1945 und die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland.

Heute ist das Palais Schaumburg wegen Renovierung geschlossen. Dennoch lässt sich die Geschichte des Hauses digital erleben: Ein virtueller 360-Grad-Rundgang des Hauses der Geschichte bietet Einblicke in die repräsentativen Hallen, Büroräume und den geschichtsträchtigen Park. Dort steht bis heute eine besondere Tradition lebendig: die der Kanzlerbäume, die seit 1978 von Helmut Schmidt begründet wurde.


zum Ort: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland