Workshop „Design. Declare. Democratize.“
Am 16. September 2026 wurde der WDC-Pavillon im Darmstädter Carree für einen Vormittag zur Plakatwerkstatt. Im Workshop „Design. Declare. Democratize.“ haben wir gemeinsam mit der Stiftung Deutsches Design Museum im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 zwei Oberstufenklassen mit Schwerpunkt Kunst und Geschichte eingeladen. Sie haben untersucht, wie Rechte öffentlich eingefordert werden. Ausgangspunkt war die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die in diesem Jahr 250 Jahre alt wird. Von dort aus entwickelten die Jugendlichen eigene Erklärungen für die Gegenwart, zu Barrierefreiheit, Periodenarmut, Vielfalt, Meinungsfreiheit und politischer Mitbestimmung, und gaben ihnen auf Plakaten eine starke grafische Form. Am Ende hingen ihre Forderungen an den Holzwänden des Pavillons. Zwischen einer Deklaration von 1776 und einem Plakat von 2026 liegt offenbar weniger Abstand, als die Jahreszahlen vermuten lassen.
Die Deklaration als Form
Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Menschen haben sie eingefordert und erkämpft, und sie wird bis heute verteidigt. Die Ausgangslage, mit der der Workshop begann, war ernüchternd. Laut Freedom House ist die Freiheit weltweit 2024 im neunzehnten Jahr in Folge zurückgegangen. Nach Angaben von V-Dem leben heute fast drei von vier Menschen in Autokratien, so viele wie seit 1978 nicht mehr. Vor diesem Hintergrund richtete der Workshop den Blick auf eine besondere Textsorte: die Erklärung als öffentliche Forderung von Rechten. Die Leitfragen lauteten, wie solche Erklärungen entstehen, warum sie wirken und welche Gestalt sie annehmen.
Die Unabhängigkeitserklärung eignet sich dafür besonders gut, weil man an ihr den ganzen Weg einer politischen Botschaft verfolgen kann. Er reicht von Thomas Jeffersons „Rough Draft“ mit seinen Streichungen über die Debatten im Kontinentalkongress bis zu den gedruckten Broadsides und Zeitungen, die den Text in die Kolonien trugen. Entwurf, Design, Verbreitung, Wirkung: In diesen vier Stationen wurde der historische Gegenstand zur Werkzeugkiste. Eine Botschaft musste 1776 durch viele Hände gehen, bevor sie viele Menschen erreichte. Und sie wirkte weiter, in späteren Erklärungen der Menschen- und Grundrechte bis hin zum Grundgesetz, dessen Artikel 20 Absatz 4 allen Deutschen ein Recht auf Widerstand zum Schutz der Verfassung zuspricht.




Vom Brainstorming zum Plakat
Der Workshop fand in zwei Durchgängen statt, jeweils mit einer Klasse. Am Anfang stand eine Begriffssammlung zu der Frage, was Demokratie für die Einzelnen bedeutet. Wahlen, Mitreden, Parteien, Gleichberechtigung und Regierung standen bald auf den Blättern, dazu die Wahlkabine als konkreter Ort der Demokratiegeschichte. Auf die Frage, was ihnen Demokratie bringt, antwortete eine Gruppe knapp: „aktives (Mit-)Gestalten“. Als die Jugendlichen den aktuellen Zustand der Demokratie in einem Emoji zeichnen sollten, entstanden verschiedene Gesichter, mal skeptisch, mal traurig, aber auch lachend und kämpferisch.
Danach sprachen die Klassen über Grund- und Menschenrechte, über ihre Geschichte seit dem 18. Jahrhundert und über Lücken in der Gegenwart. In einem schnellen Brainwriting kreisten sie das Thema ein, das ihnen 2026 am stärksten schützenswert erscheint.
Für die Gestaltung wurden verschiedene Bildsprachen und Methoden vorgestellt. Sie reichten vom Reduzieren über das Umdeuten bis zum Kapern fremder Botschaften.




Eigene Themen, klare Botschaften
Beide Klassen folgten den historischen Impulsen aufmerksam und fanden darin schnell ihre eigenen Schwerpunkte, wie Gleichberechtigung, Klimabewusstsein, die Modernisierung des Bildungssystems und Mitsprachemöglichkeiten. So forderte eine Gruppe mehr Mitbestimmung der Jugend und stellte die untere Altersgrenze beim Wählen infrage. Ihre Begründung: Die Jugend wählt für ihre Zukunft. Als Weg dorthin nannte sie Demonstrationen, die Aufmerksamkeit erregen. Das ist ein Gedanke, den auch die Verfasser von 1776 unterschrieben hätten.
Auf den Plakaten verdichteten sich die Überlegungen zu konkreten Botschaften, die man im Vorbeigehen versteht. „Du entscheidest! Deine Stimme zählt“ steht in Großbuchstaben neben einer Wahlurne, in die eine Hand einen Zettel mit der Aufschrift „Vote“ steckt. „This world is not build for me“ stellt die Silhouette eines Menschen im Rollstuhl vor einem für ihn nicht erreichbaren Regal und fordert Barrierefreiheit ein. „You bleed? You pay.“ setzt das Eurozeichen auf eine Binde und macht Periodenarmut zum Thema. Ein Regenbogengesicht unter dem Satz „We are all unique“ steht für Vielfalt. Zwei Figuren im Gespräch fordern „Frei in der Meinung“, und eine Brille mit zwei verschiedenfarbigen Gläsern wirbt für „Verschiedene Perspektiven“. Aus einer Pfandflasche wächst eine Blume, daneben steht „ein Weg zu mehr Weg“, ein Wortspiel, das Mehrweg und Klimaschutz in einem einzigen Bild zusammenfasst. „Bildung, die dich vom Machen abhält“ zeigt eine kauernde Figur vor einem schwankenden Bücherturm.




Warum das Demokratiegeschichte ist
Der Workshop hat den Schülerinnen und Schülern gezeigt, dass historische Quellen keine abgeschlossenen Dokumente sind, sondern Muster, an denen sich die Gegenwart messen und üben kann. Wer nachvollzieht, wie 1776 aus einem Entwurf eine wirksame Erklärung wurde, versteht besser, wie politische Forderungen heute Gehör finden. Erst die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft macht Demokratie zu etwas, das man selbst fortschreibt und zeigt, dass sie nicht selbstverständlich ist.






