Weitersagen: Vom Umbruch erzählen

Wir fördern das Projekt „WEITERSAGEN“ des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung, das einen dieser Umbrüche in den Blick nimmt: die Friedliche Revolution von 1989 und die darauffolgenden Transformationsprozesse. Es lädt Menschen in und aus Ostdeutschland ein, ihre persönlichen Erfahrungen dieser Umbrüche zu teilen. In Erzählcafés, mit einem Erfahrungs-Sammel-Mobil, durch eine begleitende Ausstellung und eine kuratierte Website werden diese Erlebnisse gesammelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So entsteht ein Archiv des Geteilten, das nicht nur dokumentiert, sondern zum Weiterdenken und Weitererzählen einlädt.

Die Friedliche Revolution als Erinnerungsort der Demokratiegeschichte

Demokratie kein fertiger Zustand ist, sondern ein fortwährender Prozess, der aus Umbrüchen entsteht. Auch die deutsche Demokratiegeschichte ist von Auseinandersetzung und Widersprüchen geprägt. Genau das macht sie für Gegenwart und Zukunft lehrreich.

Die Friedliche Revolution ist ein zentrales Ereignis der deutschen Demokratiegeschichte. Sie entstand aus einer Krise der DDR, in der die SED-Führung zunehmend an Legitimität verlor und immer mehr Menschen Freiheits- und Mitbestimmungsrechte einforderten. Ihren Ausgang nahm die Bewegung im Frühjahr 1989, als oppositionelle Gruppen bei den Kommunalwahlen am 7. Mai Wahlbetrug nachwiesen und damit die Glaubwürdigkeit des Regimes erschütterten. Im Sommer flohen zehntausende DDR-Bürgerinnen und -Bürger über Ungarn und andere Nachbarstaaten in den Westen. Parallel formierte sich im Land eine gewaltfreie Protestbewegung: Ausgehend von den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche wuchsen die Montagsdemonstrationen ab September 1989 zu einer Massenbewegung heran, die sich mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ über die ganze DDR ausbreitete. Am 9. November fiel die Mauer.

Es folgte ein beispielloser Transformationsprozess: Im März 1990 wählten die DDR-Bürgerinnen und -Bürger erstmals frei ihre Volkskammer, am 1. Juli 1990 trat die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft, und am 3. Oktober 1990 wurde die deutsche Einheit vollzogen. Doch die Transformation brachte auch Brüche mit sich: Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung prägten den ostdeutschen Alltag – fast ein Viertel der Menschen verließ in den folgenden Jahren ihre Heimat Richtung Westdeutschland.

Erzählcafés und Erfahrungs-Sammel-Mobil

An dieser ambivalenten Transformationsgeschichte setzt das Projekt an: Es thematisiert die Umbrüche nicht nur als Teil der deutschen Demokratiegeschichte, sondern auch als Erfahrungsarchiv für eine demokratische Zukunft. Durch das Erfahrungs-Sammel-Mobil und moderierte Erzählcafés entsteht ein Raum, in dem Menschen unterschiedlichen Alters ihre Umbruchserfahrungen formulieren und hinsichtlich zukünftiger Veränderungsprozesse befragen können. Im Mittelpunkt stehen die individuellen Erfahrungen der betroffenen Menschen. Zentral ist nicht der Transfer von Alt zu Jung, sondern ein gegenseitiger Austausch über die Vielstimmigkeit und die Übertragbarkeit des Erlebten. Das Projekt richtet sich explizit an alle Menschen in Ostdeutschland – auch an die nach 1990 Geborenen, die durch die zurückliegenden Umbrüche stark geprägt sind. Der Austausch findet an unterschiedlichen Orten statt: auf Stadtfesten wie in Kulturzentren, in Kinos wie in Schulen. Eine begleitende Handreichung ermöglicht es weiteren Akteuren, das Format des Erzählcafés selbst durchzuführen. So wächst der Schatz an Erfahrungen, aus dem künftig geschöpft werden kann.

Sichtbar und hörbar für alle

Das entstandene Archiv wird in einer begleitenden Ausstellung sowie auf einer kuratierten Website zugänglich gemacht. Die Abschlussveranstaltung am Tag des Grundgesetzes, dem 23. Mai 2027, bringt die gesammelten Erfahrungen in den überregionalen Diskurs ein.

Mitmachen

Das Projekt lädt alle Menschen in und aus Ostdeutschland ein, ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu teilen. Wer mitmachen möchte, findet alle Informationen auf projekt-weitersagen.de sowie auf Instagram unter @projekt_weitersagen.

Bildquellen

  • 1: © Frank Schinski
  • 2: © Stevy Hochkeppel
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