Ein Stück europäische Demokratiegeschichte
Die Villa La Collina am Comer See war weit mehr als ein Urlaubsdomizil Konrad Adenauers. Als „Ersatzkanzleramt“ wurde sie zu einem Ort, an dem die junge Bundesrepublik ihre außenpolitischen Weichen stellte, europäische Bündnisse schmiedete und sich in die westliche Gemeinschaft demokratischer Staaten einband. Am 19. September 2026 wurde die Villa La Collina in Cadenabbia mit der Plakette „Ort der deutschen Demokratiegeschichte“ ausgezeichnet – ein Ort deutscher Demokratiegeschichte im Ausland.






Ein „Ersatzkanzleramt“ am Comer See
Konrad Adenauer war von September 1949 bis Oktober 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und von 1950 bis 1966 Parteivorsitzender der CDU. Achtzehn Urlaube verbrachte er zwischen 1957 und 1966 im italienischen Cadenabbia am Comer See, vierzehn davon in der Villa La Collina. Die Urlaube waren keine reinen Ferien. Neben Spaziergängen und dem Boccia-Spiel verfolgte der Kanzler Regierungsgeschäfte und ein regelmäßiges Aktenstudium. Zusammenkünfte mit Ministerinnen und Ministern, mit politischen Gleichgesinnten wie auch mit Oppositionellen standen ebenso auf der Tagesordnung wie der Empfang ausländischer Staatsgäste und prominenter Persönlichkeiten.
In der Villa wurden zentrale politische Weichenstellungen der Jahre 1950 bis 1966 vorbereitet – darunter entscheidende Impulse für die deutsch-französischen Beziehungen. So bereitete sich Konrad Adenauer dort im Sommer 1958 auf sein erstes persönliches Treffen mit dem neu gewählten französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle vor. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit, die den Weg für die deutsch-französische Partnerschaft ebnete. Auch der bis heute wirkungsmächtige Élysée-Vertrag wird indirekt hier gesichert: Als dessen Ratifizierung im Bundestag 1963 zu scheitern drohte, brachte eine interfraktionelle Besprechung in Cadenabbia die Lösung. Der Richtungsstreit innerhalb der CDU/CSU-Fraktion über eine engere Anlehnung an die USA oder an Frankreich wurde durch eine von deutscher Seite vorangestellte Präambel entschärft, in der ein Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis festgehalten wurde.
Ein Knotenpunkt europäischer und transatlantischer Netzwerke
Neben der deutsch-französischen Kooperation prägten insbesondere die deutsch-italienischen Beziehungen und die Benelux-Staaten den europäischen Einigungsprozess, der zu Adenauers Kanzlerschaft vor allem von christdemokratischen Parteien getragen wurde. In Italien war dies die Democrazia Cristiana, die Partnerpartei der CDU.
In Zeiten der Berlin- und Kuba-Krise suchten auch zentrale Akteure des transatlantischen Bündnisses den Austausch in Cadenabbia, darunter der NATO-Oberbefehlshaber Lauris Norstad, der US-Außenminister Dean Rusk und der nationale Sicherheitsberater John F. Kennedys, McGeorge Bundy. Die Villa war zudem Ort kultureller und intellektueller Begegnung – etwa mit dem Historiker Golo Mann, einem Sohn Thomas Manns, und dem expressionistischen Maler Oskar Kokoschka.
Feierliche Plakettenübergabe in Cadenabbia
Vom 18. bis 20. September 2026 versammelte die Villa La Collina Gäste aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, um den Ort als Teil der deutschen Demokratiegeschichte zu entdecken. Die zentrale Veranstaltung am 19. September stand unter dem Motto „Gemeinsame Wege: Cadenabbia und deutsch-italienische Impulse für Europas Demokratie“. Begrüßt wurde die Festgesellschaft von Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und Bundesministerin a. D. Ein Grußwort sprach Dr. Thomas Bagger, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Italien. Als prominenter Gast nahm der frühere italienische Ministerpräsident Mario Monti teil. Eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Der ‚vergessene Motor‘ – die historische und gegenwärtige Rolle Italiens und Deutschlands auf dem Weg zum gemeinsamen Haus Europa“ beleuchtete die deutsch-italienische Verflechtung. Daran beteiligten sich Prof. Vera Capperucci, Professorin für Zeitgenössische Europäische Geschichte an der Luiss-Universität in Rom, Dr. Michael Borchard, Leiter der Wissenschaftlichen Dienste und des Archivs für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, Simone Leoni, Nationalsekretär der Forza-Italia-Jugendorganisation, und Finn Wandhoss, Bundesvorstand der Jungen Union; die Moderation übernimmt Paruvana Volkmann, Leiterin des Auslandsbüros Italien der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rom. Das Schlusswort und die feierliche Übergabe der Plakette oblagen unserem Stiftungsdirektor Dr. Kai-Michael Sprenger.
