Mit Mut und List gegen die Feinde der Republik

Walter Gyssling

18.03.1903 - 14.10.1980

Walter Gyssling war ein früher Warner gegenüber der nationalsozialistischen Gefahr. Als Mitglied der SPD, des Reichsbanner und des Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, kämpfte der Journalist mit Wort und Schrift gegen den Antisemitismus und aufkommenden Faschismus in der Weimarer Republik.


In München geboren und aufgewachsen, entstammte Walter Gyssling einem begüterten, freidenkerischen und kulturorientierten Elternhaus. Seine Erziehung und ein bereits früh pazifistisch und linksliberal geprägtes Umfeld brachten ihn von einer zunächst eingeschlagenen Offizierslaufbahn ab. Begeistert von der Novemberrevolution 1918 und entsetzt vom Scheitern der Münchner Räterepublik, war Gyssling während seines Studiums Mitglied pazifistischer und republikanischer Vereinigungen. Die Inflation von 1923 vernichtete das Familienvermögen und zwang ihn, sein Studium abzubrechen. Ein stattdessen aufgenommenes journalistisches Volontariat, während dem Gyssling begann, in Wort und Schrift kritisch gegen die NSDAP anzuarbeiten, bildete den Ausgangspunkt seiner beruflichen und politischen Tätigkeiten.

1928 stellte der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Walter Gyssling ein, um an verschiedenen Orten der Weimarer Republik nach den ökonomischen und sozialen Ursachen für den Erfolg der nationalsozialistischen Propaganda zu fahnden. Die auf diesen Reisen gewonnen Erkenntnisse mündeten in eine Kommunikationsstrategie, für die Gyssling und weitere Mitstreiter eine getarnte Informations- und Propagandastelle betrieben: Das in Berlin gelegene „Büro Wilhelmstraße“. Dort trug Gyssling als Archivar umfangreiches, politisch und moralisch die NSDAP belastendes Material zusammen, auf dessen Basis etwa das bis 1932 in vier Auflagen erscheinende Handbuch Der Anti-Nazi entstand.

Gyssling, Mitglied der SPD und des Reichsbanners, war überzeugt davon, dass die öffentliche Meinung gegen die NSDAP nicht über länger über Argumente, sondern über Emotionen mobilisiert werden müsse. Seine antifaschistischen Flugschriften imitierten die Ausdrucksweise und Bildsprache der gegnerischen Propaganda. Dafür schreckte Gyssling auch als Gegenredner auf NS-Versammlungen vor politischer Denunziation und derber Sprache nicht zurück.

Letztlich fand diese Abwehrstrategie jedoch keine Zustimmung innerhalb der SPD. Walter Gyssling ging 1933 ins Exil, wirkte in der Vereinigung emigrierter deutscher Journalisten und veröffentlichte bis 1945 weiterhin NS-kritische Artikel in internationalen Zeitungen.