Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, CC-BY SA 4.0

Stimme im deutsch-deutschen Dialog

Alfred Kantorowicz

12.8.1899 - 27.3.1979

Alfred Kantorowicz‘ Eintreten für publizistische Freiheit und den deutschen Dialog über die Grenzen hinweg war ein entscheidender Beitrag, dass die Idee einer nationalen Einheit in der Frühphase der beiden deutschen Länder nicht in Vergessenheit geriet. Gleichzeitig kam er weder im Osten noch im Westen politisch an und blieb in vielen Phasen seines Lebens ein Einzelkämpfer.


Im ausgehenden Kaiserreich wuchs Alfred Kantorowicz im jüdisch-aufgeklärten Bürgertum auf. Bereits mit 17 Jahren nahm er freiwillig am Ersten Weltkrieg teil, konzentrierte sich aber im Anschluss an ein Studium von Germanistik und Jura auf die Suche seiner jüdischen Wurzeln. Kriegserfahrung, Skepsis gegenüber den bürgerlichen Parteien und seine jüdische Herkunft kristallisierten sich bei Kantorowicz immer mehr zu einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das durch den zunehmenden Antisemitismus noch verstärkt wurde. Offenkundig wurde sein Schwanken mit der Bewunderung für die nationalliberale Deutsche Staatspartei 1930 und sein Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) nur ein Jahr später. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten floh Kantorowicz 1933 nach Paris und arbeitete dort und später in den USA als Publizist. In Paris gründete er die "Deutsche Freiheitsbibliothek" als Reaktion auf die nationalsozialistische Bücherverbrennung. Daneben wurde er Generalsekretär des "Schutzverbandes deutscher Schriftsteller", über den er auch in Kontakt mit der Familie Mann kam. Hier wie in seiner Zeit in den USA blieb Kantorowicz Teil kommunistischer Strukturen, die er als letzte Hüter bürgerlicher Werte verstand.

1947 nach Ost-Berlin zurückgekehrt, bemühte sich Alfred Kantorowicz zunächst um einen gesamtdeutschen Dialog; trotz Opposition zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) war er als Literat und Germanist in der DDR erfolgreich. Ab Mitte der 1950er Jahre, besonders über den Aufstand in Ungarn, übte er jedoch verschärfte Kritik am Regime und wurde daraufhin vom Ministerium für Staatsicherheit (MfS) überwacht. Als er 1957 schließlich in den Westen floh, wurde seine Flucht von der DDR-Regierung politisch instrumentalisiert, während er in der Bundesrepublik aufgrund seiner weiteren Fürsprache für den Sozialismus isoliert blieb.