• Friedrich Ebert Stiftung, Hans Böckler Stiftung: Zeitzeugen der Gewerkschaften

Die Stimme der migrantischen Arbeiterschaft

Yılmaz Karahasan

* 23.03.1938 in Kilimli (Türkei) † 30.09.2023 in Frankfurt am Main

Vom Elektrotechniker in der Türkei wurde er zum ersten Vorstandsmitglied der IG Metall mit Migrationsgeschichte. In seinen zahlreichen Ämtern förderte Yılmaz Karahasan die selbstbewusste gewerkschaftliche Beteiligung der migrantischen Arbeitskräfte und stritt für Respekt und Gleichberechtigung. Sein herausragender Werdegang machte ihn zum Pionier für die gewerkschaftliche Integration der sogenannten „Gastarbeiter“ in die bundesdeutsche Gesellschaft.


1938 wurde Yılmaz Karahasan in Kilimli, einem türkischen Bergbaugebiet, geboren. Bereits sein Vater war aktiver Gewerkschaftler. Nach einer Ausbildung zum Elektrotechniker arbeitete Karahasan im Bergbau, bevor er 1958 auf Einladung der Firma Siemens nach Deutschland kam, drei Jahre vor dem offiziellen Anwerbeabkommen mit der Türkei. Für die Menschen im Ort war er als einer der ersten „Nichtdeutschen“ im Betrieb eine „lokale Attraktion“. Nach dem Wehrdienst in der Türkei kehrte er zurück, trat der IG Metall (IGM) bei und heiratete seine Kollegin Marianne Schildbach.

1963 ging Karahasan schließlich zu den Ford-Werken in Köln und engagierte sich dort in dem IGM-Erschließungsprojekt „Ford-Aktion“. Binnen kurzer Zeit warb er gut tausend türkeistämmige Gewerkschaftsmitglieder an. Dank seiner Deutschkenntnisse wurde er zum Vertrauensmann der IGM und Dolmetscher des Betriebs für die nun zahlreichen Angestellten aus der Türkei. Der Protest seiner Kollegen verhinderte Karahasans Entlassung, als er sich weigerte, die strengen Arbeitsforderungen der Vorgesetzten zu übersetzen. Daraufhin wechselte er als Sozialberater zur Arbeiterwohlfahrt und absolvierte ein arbeitsbegleitendes Studium. Seit 1963 war er Mitglied der SPD, mehrfach Bundesdelegierter und gründete den bundesweit ersten „Arbeitskreis Ausländischer Arbeiter“.

Die deutschen Gewerkschaften setzten sich mit als erste Organisationen für die Belange der eingewanderten Arbeitskräfte ein – häufig aus Eigeninteresse und mit einem gewissen Paternalismus. Früh setzte Karahasan aktiv eigene Impulse. Er forderte betriebliche Gleichberechtigung und Solidarität sowie das kommunale Wahlrecht für nichtdeutsche Angestellte. Auf dem Gewerkschaftstag in Bremen 1965 übte er Grundsatzkritik am Begriff der „Gastarbeiter“, der falsche Vorstellungen wecke – Gäste lasse man nicht arbeiten. Auch von den eingewanderten Arbeitskräften forderte er ein, sich mit der Gesellschaft, in der sie lebten, zu identifizieren. Ab 1968 war er der politische Sekretär in der Abteilung „Ausländische Arbeitnehmer“ des IGM-Vorstandes in Frankfurt. In der „Metall“-Zeitung positionierte sich Karahasan deutlich gegen den Militärputsch und wachsenden Nationalismus in der Türkei. Zwei Mal wurde er dort kurzzeitig verhaftet und konnte wegen einer Verurteilung in Abwesenheit erst 1992 wieder in sein Heimatland einreisen.

Die rechtsextremen Mordanschläge und der präsente Rassismus der 1990er Jahre bewegten Karahasan schließlich dazu, 1992 für den IGM-Vorstand zu kandidieren. Seine Wahl als erstes migrantisches Mitglied war eine bundesweite Sensation und machte ihn zu einem der frühesten Repräsentanten der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland. Karahasan kritisierte die demokratiefeindliche Stimmung der „Baseballschlägerjahre“ scharf und forderte eine Sozial- und Migrationspolitik, die anerkenne, dass Deutschland längst zu einem Einwanderungsland geworden war. 2012 wurde er als Integrations- und Identifikationsfigur mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.