ullstein bild - Rolf Mahrenholz

Moderne Medizin für die Demokratie

Maria Daelen

* 22.02.1905 in Düsseldorf † 05.10.1993 in Georgenborn

Ob als Chirurgin, im Gesundheitsministerium oder als Vertreterin der deutschen Delegation bei der WHO – Maria Daelen war zeitlebens eine Ausnahmeerscheinung und lebte die Emanzipation der Frau im Beruflichen wie auch im Privaten. Die Gesundheitspolitik der Bonner Nachkriegsdemokratie richtete sie zum Wohle der Allgemeinheit modern und präventiv neu aus.


Bereits als Kind erlebte Maria Daelen eine ungewöhnliche Familienkonstellation. Nach der Scheidung ihrer Eltern wuchs sie bei ihrem wohlhabenden Vater auf, dem Metallindustriellen Felix Daelen. Trotz der Distanz bewunderte sie ihre Mutter, die Reichstagsabgeordnete und Frauenrechtlerin Katharina von Kardorff-Oheimb, und schlug mit einem Medizinstudium ebenfalls einen selbstbestimmten Lebensweg ein. Sie entschied sich ausgerechnet für die Chirurgie, die besonders als Männer-Domäne galt.

In ihrer Berliner Studienzeit nahm sie intensiv am modernen Großstadtleben teil, verkehrte in künstlerisch-intellektuellen Kreisen und kleidete sich androgyn. Damit entsprach sie dem Typus der „Neuen Frau“, meist gehobener junger Frauen, die beruflich unabhängig waren und die bestehenden Geschlechterrollen herausforderten. Trotz der neuen Spielräume in der Weimarer Republik waren diese allerdings ein Randphänomen.

Das NS-Regime veränderte das Gesundheitssystem stark: Daelen wurde von einer Assistenzärztin an der Charité zu einer Assistentin ohne Gehalt herabgestuft, um Frauen aus dem Beruf und in die Mutterrolle zu drängen. Gleichzeitig schuf die Entlassung der jüdischen Belegschaft freie Stellen. Ob sie eine solche Stelle besetzte oder sich solidarisch mit ihren jüdischen Kolleginnen und Kollegen zeigte, lässt sich nicht eindeutig nachweisen. Klar ist jedoch, dass Daelen die NS-Ideologie strikt ablehnte, Kontakte in den Widerstand pflegte und junge Männer mit gefälschten Gesundheitszeugnissen vor dem Kriegseinsatz bewahrte. Als die Gestapo 1945 einen „Ariernachweis“ einforderte, floh sie nach Österreich.

Das Kriegsende bedeutete einen Neuanfang für Maria Daelen. Bereits 1946 wurde sie in das Dezernat für Gesundheitsfürsorge des hessischen Innenministeriums einberufen. Als einzige weibliche Ärztin nahm sie 1948 an einer Studienreise in die USA teil, die das deutsche Gesundheitswesen nach der wissenschaftlichen Isolation im Nationalsozialismus modernisieren und demokratisieren sollte. Den amerikanischen Besatzern schien ein verbesserter Gesundheitszustand entscheidend für die Akzeptanz des demokratischen Neuanfangs. In den USA erkannte Daelen die Bedeutung der Präventivmedizin und führte zurück in Deutschland die bundesweit erste Tuberkuloseschutzimpfung ein – in der Weimarer Republik hatte diese Krankheit noch als Gradmesser demokratischer Stabilität gegolten.

1955 übernahm sie das neu gegründete Referat „Internationales Gesundheitswesen“ im Bundesgesundheitsministerium und arbeitete dort pragmatisch auch mit Kollegen mit NS-Vergangenheit zusammen. Bis 1968 behauptete sie sich prägend in den männerdominierten Behörden der jungen Bundesrepublik und verweigerte sich den vorherrschenden Geschlechtervorstellungen. Ihre Arbeit förderte die Integration der Bundesrepublik in das internationale Gesundheitswesen maßgeblich und legte mit der Beteiligung an zahlreichen WHO-Programmen den Grundstein für die bundesdeutsche Entwicklungsarbeit.