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„Seid Menschen!“

Margot Friedländer

* 05.11.1921 in Berlin † 09.05.2025 in Berlin

Mit über achtzig Jahren kehrte Margot Friedländer nach Deutschland zurück, um sich der Erinnerung an die Shoah und dem Dialog mit jungen Menschen zu verschreiben. Als eine der bekanntesten Zeitzeuginnen appellierte sie an den Schutz jüdischen Lebens und mahnte zu Menschlichkeit, Toleranz und der Achtung der Demokratie.


1921 in eine deutsch-jüdische Familie mit eigenem Knopfgeschäft geboren, verbrachte Anni Margot Bendheim eine unbeschwerte Kindheit in Berlin. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 veränderte ihr Leben grundlegend. Unter dem steigenden Druck zerbrach die Ehe ihrer Eltern, als Heranwachsende erlebte sie, wie die Einschränkungen immer radikaler wurden. Ihre Ausbildung zur Schneiderin musste sie 1940 abbrechen, um Zwangsarbeit in einer Rüstungsfabrik zu verrichten. Eine Nische fand sie im Jüdischen Kulturbund, wo sie Theater spielte und Kostüme umnähte.

Nach mehreren gescheiterten Emigrationsversuchen versteckte sie sich 15 Monate lang im Untergrund, oftmals wurde ihre Notlage ausgenutzt. 1944 geriet sie in die Kontrolle sogenannter „Greifer“ – Jüd:innen und Juden, die für die Gestapo arbeiteten, um selbst der Deportation zu entgehen. Sie überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt und heiratete nach der Befreiung Adolf Friedländer, den sie noch vom Kulturbund kannte. Erst spät erfuhren beide, dass ihre gesamten Familien in Auschwitz ermordet worden waren.

1946 emigrierte das Paar in die USA. Über die Zeit im Konzentrationslager sprachen die beiden nicht miteinander, auf ihren Europareisen sparten sie Deutschland stets aus – zu schmerzhaft waren die Erinnerungen für Adolf Friedländer. Nach seinem Tod 1997 regte ein Seniorenkurs für biografisches Schreiben Margot Friedländer dazu an, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen und ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Beeindruckt von ihrem Schicksal überzeugte der Filmemacher Thomas Halaczinsky sie 2003 davon, in ihrer Heimat Berlin eine Dokumentation über ihr Leben zu drehen. Im selben Jahr nahm sie eine Einladung des Berliner Senats für verfolgte und emigrierte Bürgerinnen und Bürger an. 2008 veröffentlichte sie ihre Autobiografie erstmalig auf Deutsch unter dem Titel „Versuche, dein Leben zu machen.“ Diese Botschaft und eine Bernsteinkette waren das letzte, was Margot Friedländer von ihrer Mutter blieb, als diese ihren jüngeren Sohn Ralph in Gestapo-Haft begleitete. Zeitlebens wirkten diese Worte als Antrieb für Friedländer, die Kette begleitete sie stets auf ihren nun zahlreichen Lesungen. 2010 kehrte sie endgültig nach Berlin zurück.

Mit 88 Jahren fand Margot Friedländer eine neue Lebensaufgabe: Jugendlichen von ihrer Geschichte zu erzählen und für all jene zu sprechen, die dies selbst nicht mehr konnten. Mit bis zu vier Lesungen an Schulen pro Woche und zahlreichen Interviews wurde sie zu einer der präsentesten Shoah-Überlebenden und Mahnerin gegen das Vergessen in Deutschland. Ihr unermüdliches Engagement wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, 2022 sprach sie zum Holocaust-Gedenktag vor dem Europäischen Parlament. Im Jahr darauf gründete sie die Margot Friedländer Stiftung, die sich für Demokratie und Freiheit und die Fortsetzung ihrer Zeitzeuginnenarbeit einsetzt und jährlich einen Preis für Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus verleiht.