Altes Rathaus

Bad Bergzabern

Ermutigt von der Einnahme der Stadt Mainz durch die Französische Revolutionsarmee errichteten die demokratisch gesinnten Bürger im Oktober 1792 Freiheitsbäume und besetzten die Rathäuser in Bergzabern und in umliegenden Dörfern. Am 6.11.1792 erklärt sich Bergzabern im Rahmen einer feierlichen Bürgerversammlung zur Republik.


Im Gegensatz zur sich fast gleichzeitig gründenden Mainzer Republik befreiten sich die Bergzaberner ohne unmittelbaren Schutz der französischen Armee. Die Bürger wählten eine neue Gemeindevertretung und verkündeten die Loslösung vom Herzogtum Zweibrücken-Pfalz, das keine militärische Intervention riskierte; das Bündnis mit dem revolutionären Frankreich und der Widerstandswillen der Bergzaberner hielt sie davor zurück. Am 10.11.1792 bat das republikanische Bergzabern durch eine Petition um Aufnahme in die Französische Nationalversammlung. 32 Dörfer aus der Umgebung schlossen sich der Bergzaberner Republik an. Am 15.3.1793 erfolgte von der Französischen Nationalversammlung die Aufnahme in die Französische Republik. Der republikanische Geist wirkte über Generationen in Bergzabern. Bergzaberner Bürger, allen voran die Familien Pistor, Schüler und Culmann, waren sowohl in der Aufstandsbewegung um das Hambacher Fest als auch in der Pfälzer Revolution zur Verteidigung der Paulskirchenverfassung im Frühling 1849 beteiligt. Politisch verfolgte Demokraten fanden auf ihrer Flucht nach Frankreich in Bergzaberner Häusern eine Herberge und Unterstützung. Und in der kurzen Phase der Pfälzer Revolution zur Verteidigung der Paulskirchenverfassung im Mai/Juni 1849 versammelten sich ca. 300 Bergzaberner Freischärler, um gefangen genommene Soldaten der Freischärlerarmee im königstreuen Steinfeld zu befreien (Steinfelder Marsch).

Bis heute gibt es keine Gedenkorte, (fast) keine erklärenden Geschichtstafeln, keinen Pfad der Republik und keine Angebote von Führungen explizit zu diesem Thema in der Stadt. Neben Rathaus und Marktplatz bieten sich für einen demokratiehistorischen Stadtrundgang an: Das Schloss Bergzabern, das 1792/93 als Tagungsort des örtlichen Jakobinerclubs diente / das Wohnhaus des Jakobiners und „Maire“ (Bürgermeister) Friedrich Daniel Pistor; dessen Sohn Daniel hielt 1832 eine Rede auf dem Hambacher Fest, während Sohn Lorenz und Schwiegersohn Daniel Hertle am Pfälzer Aufstand 1849 beteiligt waren, nach dessen Ende sie in die Emigration mussten / das Wohnhaus des Bergzaberner Pfarrer Philipp Friedrich Culmann, ebenfalls aktiv im Jakobinerclub der Stadt, dessen Sohn August Ferdinand für die äußerste Linke im Paulskirchenparlament saß / das Gasthaus Engel, vor dem 1792 ein Freiheitsbaum errichtet wurde. Bemerkenswert ist auch die Geschichte der Hunspacher Glocke, die 1794 von französischen Soldaten abmontiert wurde. Es wird erzählt, dass die Glocke auf dem Weg nach Straßburg zur Einschmelzung in Hunspach, gleich hinter der Grenze, nach einer Übernachtung beim Weitertransport vergessen wurde. Gesichert ist, dass die Glocke über 150 Jahre vom Hunspacher Kirchturm läutete und im 2. Weltkrieg durch einen Granatenbeschuss beschädigt wurde. Durch die Initiative des Hunspacher Pfarrers fand sie in den 1960er Jahren wieder zurück nach Bergzabern. Im Juni 2021 findet voraussichtlich die Uraufführung eines Theaterstücks zur Bergzaberner Republik im Schlosshof Bergzabern statt.

In Zusammenarbeit mit: Landeszentrale für Politische Bildung Rheinland-Pfalz und Thomas Handrich

Literatur

„Die ersten modernen Wahlen auf deutschem Boden“ – Die Bergzaberner Republik 1792/93, Blätter zum Land N°74 (2017), herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz