Altes Rathaus Regensburg
Im Jahr 1245 wurde den Bürgern von Regensburg durch kaiserliches Privileg die kommunale Selbstverwaltung als Freie Reichsstadt verliehen. Ihr Sitz war über viele Jahrhunderte im Alten Rathaus. Von 1663 bis 1806 erlangte das Gebäude zusätzlich als Tagungsort des Immerwährenden Reichstags weit überregionale Bedeutung – einer wichtige Entwicklungsstufe auf dem Weg der Entwicklung des Parlamentarismus in Deutschland.
Der erhaltene gotische Baubestand des Alten Rathauses lässt die erste Entwicklung einer kommunalen Selbstverwaltung im Mittelalter nacherleben. Der Saalbau wird von der neuesten Bauforschung in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert: Politik und Handel fanden hier Wand an Wand statt. 1245 hatte Kaiser Friedrich II. den Bürgern das Recht der Selbstverwaltung verliehen: Die Inhaber des Bürgerrechts durften nun einen Bürgermeister wählen. Nach dem Vorbild oberitalienischer Städte entwickelte sich die Kommune erfolgreich. Davon zeugen die Patrizierhäuser mit ihren Türmen und Kapellen, die Kirchen und die wehrhafte Befestigung – seit 2006 ist die der Altstadt von Regensburg Teil des Unesco-Welterbes.
Ab dem 13. Jahrhundert wurde das Gebäude erweitert und modernisiert. Es stellte einen attraktiven Versammlungsort dar. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs luden fortan Reichsstände wie internationale Gäste zum politischen Austausch nach Regensburg. Zahlreiche Reichstage, also die Versammlungen des Kaisers mit den Reichsständen des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, fanden hier statt. Herausragende Kunstwerke des Manierismus – wie Isaak Schwenters Darstellung des Guten Regiments vor der einstigen Kulisse der Stadt Regensburg – sind hier ausgestellt. In Gestalt von Personifikation der Gerechtigkeit, der Liebe und der Klugheit wie des Friedens und des Wohlstands wurden die Ratsherren daran erinnert, dass nur im Miteinander dieser Tugenden das Gemeinwohl gedeihen kann. Eine Schrifttafel über der Tür zu ihrer Amtsstube ermahnte den Magistrat, alle Bürger gleich und gerecht zu behandeln und sich nicht von persönlichen Vorlieben leiten zu lassen – ein Leitbild, damals so aktuell wie heute! Die Gerechtigkeit in Gestalt einer weiblichen Personifikation rahmt auch im Reichssaal zusammen mit dem Gemeinwohl das Wappen von Kaiser Maximilian I. Heutigen Demokratien ist die Gerechtigkeit ein immanentes Versprechen: Der deutsche Bundeskanzler gelobt in seinem Amtseid Gerechtigkeit gegen jeden.
Mit dem Westfälischen Frieden 1648 etablierte sich der Reichstag in Regensburg als permanente Einrichtung. Denn die zu verhandelnden Themen wurden immer komplexer, ihre Beratung erforderte Zeit. Der sogenannte Immerwährende Reichstag tagte von 1663 bis 1806. Die Vertreter der Reichsstände waren zwar noch nicht demokratisch gewählt, aber die Arbeitsweise des Immerwährenden Reichstags, die Beratungen in den Gremien der Kurfürsten, Fürsten und Städte, die Suche nach Kompromissen und die Abstimmungsprozesse, die Beschlussfassung im Plenum und schließlich die Publikation der verabschiedeten Gesetze durch den Mainzer Reichserzkanzler sind Ausdruck vorparlamentarischer Verfahren. Solche Verfahren wurden für demokratische Ordnungen konstitutiv: Die Beratung in verschiedenen Gremien, die Aushandlung von Kompromissen und die gemeinsame Abstimmung. Die Praxis des Reichstags, gemeinsame Entscheidungen durch geregelte Verfahren und institutionalisierte Mitwirkung in den Gremien in Begrenzung der monarchisch fundierten Herrschaft wird als Protokonstitutionalismus gewertet. Letztlich stellt der Immerwährende Reichstag in Regensburg damit einen Vorläufer des Bundesrats und des Rats der Europäischen Union dar.
Die Stadt Regensburg wiederum erlebte in der Zeit der Reichstage eine kulturelle Blüte sondergleichen: Theater, Oper, Literatur, Zeitungswesen, Feste, Turniere, Festpredigten, naturwissenschaftliche Vorführungen, astronomische Beobachtungen und botanische Erkundungen bereicherten das gesellschaftliche Leben, wissenschaftlichen Forscherdrang und halböffentliche Debatten wie Spekulationen außerhalb der Tagungsräume.
Das Heilige Römische Reich fand mit der Abdankung des Kaisers unter dem Druck Napoleons im Jahr 1806 sein rechtliches Ende und damit auch das Beratungsorgan Reichstag. Das Alte Rathaus diente nun ausschließlich der Verwaltung und Repräsentation der Stadt selbst. Die bayerische Gemeindeordnung von 1869 sah die direkte Wahl der Bürgermeister durch die Bürger vor. Mit der Zeit wurde das Rathaus dann zu klein für die vielen Ämter, Beratungen und Stadtratssitzungen. Ab 1936 wurde daher ein Rathausneubau im Osten der Stadt errichtet. Die Oberbürgermeister und Bürgermeister wie der Rechtsreferent behielten jedoch ihre Büros im barocken Trakt des Alten Rathaus.
Der im Mittelalter begründete Teil des Rathauses wird heute repräsentativ und museal genutzt. Die Räume, die sowohl von der Freien Reichsstadt als auch vom Reichstag zeugen, können im Rahmen von Führungen besucht werden. Hier finden sich die Führungszeiten.
In der 360 Grad-Webanwendung „Das Alte Rathaus als Ort der Demokratie“ kann man die Räume der Demokratie in Regensburg anhand von Videos, Erläuterungen, Experteninterviews und einem Quiz erleben.
zum Ort: Museen der Stadt Regensburg
