Das Alte Rathaus Regensburg als Ort der Demokratie
Die Museen der Stadt Regensburg machen einen weiteren Schritt in Richtung Digitalisierung. Eine Web-basierte Anwendung ermöglicht ab sofort einen virtuelle 360°-Rundgang durch die historischen Innenräume des Altes Rathauses. Bisher war der Zugang nur im Rahmen von Führungen möglich; jetzt kann man sich virtuell zu jeder Zeit und von jedem Ort in die Räumlichkeiten begeben. Die Anwendung bietet mit der Drohne erstellte Luftansichten, Einblicke in den Reichssaal, das Kurfürstenzimmer, das Fürstliche und das Reichsstädtische Kollegium. Zu jedem Raum wird seine Bedeutung für die Geschichte der Demokratie erläutert. Bis heute werden im Alten Rathaus politische Prozesse demokratisch verhandelt. OB Gertrud Maltz-Schwarzfischer empfindet es als Privileg, in den historischen Räumen zu arbeiten: „Die Geschichte nicht nur der Stadt Regensburg, sondern eben auch des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation wie des Herzogtums Bayern wurde hier verhandelt.“

Der erhaltene Baubestand des Alten Rathauses lässt die erste Entwicklung einer kommunalen Selbstverwaltung im Mittelalter nacherleben. Der Saalbau wird von der Bauforschung in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert: Politik und Handel fanden hier Wand an Wand statt. 1245 hatte Kaiser Friedrich II. den Bürgern das Recht der Selbstverwaltung verliehen: Die Inhaber des Bürgerrechts durften einen Bürgermeister wählen. Damit etablierten sich die Bürger rechtlich zwischen bayerischem Herzog und Regensburger Bischof als dritte Macht in der Stadt.
Seit dem 13. Jahrhundert wurde das Gebäude erweitert und modernisiert. Es stellte einen attraktiven Versammlungsort dar. Die Kaiser luden fortan die Reichsstände wie internationale Gäste zum politischen Austausch nach Regensburg: zu den Reichstagen. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 etablierte sich der Reichstag in Regensburg als dauerhafte Einrichtung. Denn die zu verhandelnden Themen wurden immer zahlreicher und komplexer und die Abstimmungsprozesse erforderten Zeit. Der sogenannte Immerwährende Reichstag tagte von 1663 bis 1806. Erst mit der Abdankung des Kaisers unter dem Druck Napoleons fand das Heilige Römische Reich sein völkerrechtliches Ende und damit auch das Beratungsorgan Reichstag. Das Alte Rathaus diente nur noch der Verwaltung der Stadt, wofür es mit deren Wachsen jedoch bald zu klein wurde: Die Mehrzahl der städtischen Ämter zog in das ab 1936 errichtete „Neue Rathaus“ am Dachauplatz.
Das Alte Rathaus wurde 1908 renoviert und dabei einzelne Räume museal gestaltet. Heute befindet sich hier das „document Reichstag“. Es ist das besucherstärkste der documente der Museen der Stadt Regensburg. Sieben Guides präsentieren die Räume und erläutern die Geschichte.
Ab dem Jahr 2024 konnte der Plan einer modernen Online-Präsentation der historischen Räume im Alten Rathaus unter dem Aspekt „Ort der Demokratie“ aufgrund einer großzügigen Förderung durch der Bundesstiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ realisiert werden. Die finanzielle Zuwendung in Höhe von 25.000,- € ermöglichte es, die kommunale, staatliche und europäische Demokratiegeschichte im Alten Rathaus in Gestalt eines digitalen Walkthrough durch die einzelnen Räume zu präsentieren. In 360-Grad-Aufnahmen eingebettete Videos veranschaulichen die ersten Räume der städtischen Selbstverwaltung, stellen die von den Kurfürsten, den Fürsten und den Vertretern der Städte bei den Reichstagen genutzten Kollegien und den Plenarsaal vor, skizzieren in der Ratsstube die kommunale Verfassung vom Mittelalter bis in die Neuzeit und berichten von der undemokratischen Absetzung des Oberbürgermeisters Dr. Otto Hipp 1933.

In Expertenvideos kommen die Neuzeit-Historikerin und Reichstagsexpertin Prof. Dr. Harriet Rudolph, der Forscher an den Reichstagsakten Dr. Dietmar Heil, die Bauforscherin Dr. Cornelia Gmeiner, Dr. Thomas Fischl mit seinen Schülerinnen am Von-Müller-Gymnasium in Regensburg zur Rolle des Jugendbeirats im aktuellen Stadtrat und die Oberbürgermeisterin Getrud Maltz-Schwarzfischer zum ambivalenten Erbe der Tradition des Gebäudes zu Wort.
Außerdem ist in der digitalen Anwendung ein Quiz integriert. Bei Einsendung der richtigen Lösung gibt es etwas zu gewinnen!
Dr. Sebastian Karnatz, der Leiter der Museen der Stadt Regensburg, freut sich: „Mit der Webanwendung zum Alten Rathaus geht die Digitalisierung der Museen der Stadt Regensburg einen weiteren großen Schritt voran.“ Idee und Konzept der Anwendung entwickelte Dr. Doris Gerstl. In einem Seminar an der Universität Erlangen-Nürnberg wurden Möglichkeiten der Darstellung thematisiert. Mit der Umsetzung der Webanwendung waren die Firmen P.Medien München und 360 Grad Team Hohndorf beauftragt. Die digitale Anwendung ist in Deutsch vertont und mit Untertiteln in Englisch, Französisch und Tschechisch versehen. Musik aus den jeweiligen Jahrhunderten unterstützt das Hörerlebnis. Bei der Auswahl der Musik für die jeweiligen Jahrhunderte erlebte Dr. Doris Gerstl eine Überraschung: „Die ausgesuchte Intrada IX von Hans Leo Hassler war von den Bläsern der Berliner Philharmoniker 1976 im Regensburger Dom eingespielt worden.“
Die Webanwendung ist für PC, Tablet und Smartphone programmiert. Sie richtet sich an alle historisch interessierten Bürgerinnen und Bürger sowie Besucherinnen und Besucher. Über einen QR-Code oder über einen Link auf der Homepage der Museen der Stadt Regensburg (https://www.regensburg.de/museen/die-museen/documente/document-reichstag) ist die Anwendung abrufbar.
Im kommenden Monat wird sich die Stadt Regensburg mit der Oberbürgermeisterin und den Museen am neu ausgerufenen „Tag der Demokratiegeschichte“ beteiligen. Er wird unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erstmals am 18. März 2026 begangen. Die Oberbürgermeisterin lädt zu einem Festakt in den Reichssaal, die Museen bieten Führungen im Alten Rathaus an.
Bildquellen
- reichstag-360: © 360 Grad Team, Hohndorf
